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Tianshan Tea Market

Nachdem wir uns im April beim look-and-see mit unserer Vermieterin wegen des Hauses einig geworden waren, hat sie uns zu Tisch gebeten und nach traditionell chinesischer Art Tee serviert. Schon damals versprach sie mir, mich in Shanghai mit auf den Tea Market zu nehmen. Gestern war es dann soweit. Eines ihrer kleinen Tässchen war zu Bruch gegangen. Sie wollte zur Teehändlerin "ihres Vertrauens" und ich durfte mit.

 

Der Teemarkt ist kein Markt in unserem Sinne. Von der Strasse aus betrachtet, würde ich den Ort weder als einladend empfinden noch als Epizentrum des Tees erkennen. Kein feiner Duft, der mich anlocken würde. Es handelt sich eher um 2 schäbige, mehrstöckige Gebäude, wo unzählige Händler ihre kleinen Lädchen haben. Verkauft wird dort alles, was irgendwie mit Tee in Verbindung gebracht werden kann. Schwarzer Tee, roter Tee, weißer Tee, grüner Tee, aromatisiert, mit Blüten oder pur. Früchtetee oder Kräutertee. Dann gibt es Teekannen und Teekännchen, die aus europäischer Sicht oft eher an Puppengeschirr erinnern und aus den unterschiedlichsten Materialien hergestellt sind. Teeschalen in allen Farben, Größen und Formen. Wasserkocher, Teesiebe in unterschiedlichsten Formen, Warmhalteplatten und allerlei Dinge, deren Sinn und Zweck sich mir nicht auf den ersten Blick erschlossen hat. Spannend.

 

Wir aber ließen die meisten Läden links liegen, warfen nur hier und da einen Blick durch die Schaufenster und landeten schließlich bei einer Teeprobe im Lieblingsladen von Frau Vermieterin. Die kleinen und feinen Teekännchen und Schalen waren eine Augenweide. Die Zubereitung des Tees ist ganz anders als bei uns. Selbst Schwarztee, der hier oft Roter Tee heißt, wird bis zu 8 mal aufgegossen, wenn er von guter Qualität ist. Der weiße Tee war zurückhaltend zart und blumig im Geschmack. Insgesamt war ich erstaunt, dass Grüntee gar keine große Rolle spielte während der Verkostung. Die Besitzerin und somit auch der von ihr gehandelte Tee kommen aus den Gelben Bergen in Anhui, also dem HuangShan, einem klassischen Teeanbaugebiet in China.

Tee erscheint mir zunehmend eine eigene Wissenschaft zu sein, vielleicht ähnlich dem Pendant Wein in Europa. Der Tee wird aufgegossen, weggegossen, umgegossen, irgendwann eingegossen und erneut aufgegossen... Grüntee soll maximal ein Jahr alt sein. Ein Tee, den wir getrunken haben, war schon über 10 Jahre alt und wird mit der Zeit angeblich immer besser. Die Parallelen zum Wein sind nicht zu übersehen. Nachdem wir dann insgesamt bestimmt 2 Stunden dort zugebracht haben, war ich am Ende des Nachmittages so Tee-Reiz-überflutet, dass ich in dem Moment gar nichts kaufen konnte. Aber ich möchte genau da wieder hin. Dann  werde ich innerlich besser vorbereitet sein. Ich habe ein wenig mein Herz verloren an die schönen Rot-Blau-Töne des Teegeschirrs. So was kann man sich doch auch gut selbst zum Geburtstag schenken, finde ich.

 

Grüße aus dem Osten Chinas,

die Gatzingerin

 

Nachtrag vom Oktober 2019

Letzte Woche war es dann soweit und ich fand Zeit und Ruhe, um erneut durch die Lädchen des Tianshan Teamarkets zu streifen. Diese kleinen und feinen Teekännchen und Tassen, die irgendwie an Puppenstubengeschirr erinnern, hatten mich nach dem letzten Besuch einfach nicht mehr losgelassen. Nachdem wir uns zuerst haben treiben lassen und in verschiedenen Läden herum gestöbert hatten, zog es mich wieder in eben jenen kleinen Laden, der mich bei meinem ersten Besuch bereits verzaubert hatte. Und genauso erging es nun meiner Frau Nachbarin, mit der ich gemeinsam unterwegs war. Irgendwie zieht einen die Tee-Magie unweigerlich in seinen Bann. Vielleicht liegt es an dem Gegensatz des Gewusels, Lärms und Schnell-Schnell auf den Strassen Shanghais und der Ruhe und Achtsamkeit, die bei der Teezeremonie sofort entschleunigend wirken.

Nach fast 3 Stunden haben wir die kleine Tee-Oase wieder verlassen. Ganz beglückt von den schönen Momenten. DIeses Mal habe ich auch eingekauft. Eine kleine Kanne, dazu Teeschalen und ein wunderschönes Teesieb aus Silber mit einem kleinen Fisch darauf. Und ich habe das Gefühl, da werden noch mehr Einzelteile dazu kommen im Laufe meiner Zeit hier in Shanghai. 3 Sorten Tee habe ich mir mitgenommen und genieße ihn gerade in diesem Moment des Schreibens. Ein schöner Moment!

Nun hat mich der Tee und seine Besonderheiten, Hintergründe und die unterschiedlichen Zubereitungsarten in seinen Bann gezogen. Gerade habe ich das Gefühl, da müsste ich mich noch viel mehr mit beschäftigen. Wir werden sehen!

 

Grüße aus dem Land des Chá 茶

die Gatzingerin