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Chinesenstadt

Die Altstadt von Shanghai, auch "Alte Chinesenstadt" genannt, ist zunehmend am Verschwinden. Immer mehr alte Gassen und Wohnhäuser sind dem Untergang geweiht. Wo vor ein paar Wochen noch Leben in den Gassen war, herrscht heute beängstigende Stille. An viele Eingangstüren findet sich ein Datum, geschrieben mit roten Spraydosen. Das Räumungsdatum. Sind die Häuser und Geschäfte dann erst einmal leer, werden alle Fenster und Türen zugemauert, damit keiner auf die Idee kommt, sich bis zum endgültigen Abriss dort nieder zu lassen. Natürlich sind die Gassen eng, die Wohnungen und Häuser ebenso. Sie haben keine Heizungen, keine Toiletten, keine Bäder. Dafür gibt es ein gut funktionierendes Sozialleben, ein System aus Familie, Freunden und Nachbarn, die sich gegenseitig unterstützen. Viel Leben spielt sich draußen auf den Gassen ab, Wäsche wird draußen getrocknet und Bettdecken hängen zum Lüften neben der Strasse. Die Menschen sitzen zusammen auf Stühlen vor ihren Häusern, fliegende Händler fahren vorbei und die nächste Marktstrasse ist auch nicht weit.

Werden diese traditionellen Wohngebiete abgerissen, entstehen an ihrer Stelle meist Hochhaus-Siedlungen. Diese bieten natürlich mehr Menschen Wohnraum, dazu den Komfort eines Badezimmers und Wärme in der kalten Jahreszeit. Aber das muss man sich dann auch erste einmal leisten können. Die alten Bewohner müssen zumeist an den Stadtrand umsiedeln, bestehende Nachbarschaften und soziale Netzwerke werden dabei auseinander gerissen.Eigentlich müsste sich die Stadt Shanghai den Luxus gönnen, diese alten, historischen Gassen zu erhalten und zu renovieren. Aber Grund und Boden sind hier mitten in der Stadt so unvorstellbar viel Geld wert, dass fast immer der schnöde Mammon regiert und gewinnt. Leider. Das sieht bei uns ja oft nicht anders aus.

Unser geführter Gang durch die Überreste der Alstadtgassen endete bei einem der ältesten Häuser Shanghais. Es handelt sich eigentlich um viele Einzelhäuser die durch kleine Gänge, Tore und Innenhöfe (die sogenannten Courtyards) miteinander verbunden sind. Früher gehörte es einer intellektuellen Familie, die dort zahllose Bücher, Zeichnungen und Bilder sammelte. Daher kommt der Name "书隐楼 Shu Yin Lou — ‘The Secluded Library’". Während der Kulturrevolution unter Mao hat das Anwesen allerdings erheblich gelitten, wurde seinen Besitzern weg genommen und teilweise als Standort für eine kleine Fabrik zweckentfremdet. Heute lebt dort noch die alte Frau Guo, die versucht ein wenig Ordnung zu halten. Die Stadt Shanghai möchte den Komplex eigentlich erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich machen, aber das "Erhalten" kann auch bedeuten "Abreißen und auf alt gemacht wieder aufbauen". Historisches Disneyland. Aber bisher sind das alles nur Lippenbekenntnisse. Wir hatten also die Möglichkeit, von Frau Guo durch ihr verfallenes Anwesen geführt zu werden. Nach dem Betreten des ersten Hofes war der Lärm und das Gewusel der Großstadt verschwunden. Alles ist sehr verfallen, strahlt aber einen wahnsinnigen Charme aus und fasziniert durch die künstlerischen Details. Alle wurden ganz leise und gingen still umher. Es war nur noch Flüstern zu hören. Ein verzauberter Ort. Fast wie eine Zeitreise. Ein Stück faszinierendes Altes China. Vielleicht können die Fotos die besondere Atmosphäre dieses Ortes wenigstens ein kleines bisschen zeigen?!

 

Liebe Grüße, die Gatzingerin