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Zwischen den Welten

 

Was war der Plan? Der sah so aus: Wir wollten nach 5 Monaten in Shanghai die Chinese New Year Ferien in unserem zweiten Zuhause verbringen und hatten uns schon sehr auf diese 10 Tage gefreut. Kurz vor unserem Abflug wurde die Region um Wuhan abgeriegelt und das Coronavirus bestimmte zunehmend die Nachrichten. Es folgte eine holprige Ausreise mit einem Fieberkind, das in Deutschland dann eine Woche krank war, was aber nicht auf das Konto des 2019-nCoV ging. Blöder Start.

 

Dann kam die erste Nachricht, dass alle Schulen in Shanghai bis zum 17.2. geschlossen bleiben würden und wir haben unsere Flüge verschoben. Wir haben das Kinderzimmer des Juniors, was er im Sommer verlassen hat, umgebaut zu einem jetzt passenderen Zimmer für "zunehmend pubertierende Jungs", damit er sich dort wieder wohlfühlen kann. Denn irgendwie ist er so gar nicht mehr der kleine Bub, der im August nach Shanghai geflogen ist. Nun kann er sich dort verkrümeln, wenn ihm danach ist oder er mit seinem Kumpel seine Ruhe haben will.

 

Einerseit freue ich mich natürlich, ein paar Tage länger hier zu sein. Ich genieße die Zeit mit den Mädels hier, unternehme lange Spaziergänge über Stock und Stein, durch den Wald und über die Felder bei Wind und Sonnenschein, denn das gibt es in Shanghai ja mal so gar nicht direkt vor der Haustür. Jedesmal beim Einkauf am Ammersee freue ich mich über das gigantisch tolle Angebot an guten und leckeren Lebensmitteln und verbinde das mit schönen Gesprächen auf dem roten Sofa im Laden bei einem Cappuccino. Ein wunderbares Stück Heimat.

 

Aber... Ja, da ist ein aber. Ich könnte das Ganze erst so wirklich genießen, wenn ich wüsste, wann der Spuk in Shanghai vorbei ist. Mittlerweile ist die Schule bis Ende Februar geschlossen, was 4 Wochen Homeoffice für die Kids und die Eltern bedeutet. Ebenso gibt es beim Gatzinger stets wechselnde Ansagen, wann es im Shanghaier Büro offiziell weiter geht, wann er zurück sein muss oder wie lange er in Shanghai eventuell noch in Selbst-Quarantäne zuhause bleiben müsste. On top kommen noch einige umgebuchte und wieder abgesagte Flüge. Ein ewiges hin & her, ein nicht endendes Rattern im Kopf. Ich komme innerlich nur schwer zur Ruhe, da ich das Gefühl habe, was jetzt gerade gilt, kann morgen schon wieder anders sein. Eigentlich komme ich damit meist recht gut klar, doch jetzt wird es selbst mir zu viel.

 

Es ist ja nicht so, dass es in Shanghai zu gefährlich wäre wegen des Coronavirus. Aber wir wären im Compound wie in einem goldenen Käfig gefangen. Natürlich kann man zum Einkaufen gehen und sogar ein paar Restaurants sollen offen sein, aber überall warten Menschen mit Infrarot-Fieberthermometern, was die Lust am Unterwegssein trübt. Es macht auch keinen Spaß mit diesen Masken draußen herum zu laufen, müsste aber sein! Und im Prinzip sollen die Menschen ja auch möglichst daheim bleiben. Die meisten Familien sind vor Ort geblieben und berichten meist ganz positiv. Das schlimmste scheint momentan der drohende Lagerkoller zu sein. Aber es gibt auch schöne Tage mit guter Luft, Vogelgezwitscher, Sonne und einer Ahnung von Frühling.

Hier in unserem deutschen Zuhause können wir uns zwar frei bewegen, sind aber fern von unserem eigentlichen Lebensmittelpunkt und das fühlt sich auch nicht ganz richtig an. Uns fehlt unser Alltag. Aber da es den gerade weder hier noch dort gibt, bleiben wir vorerst einfach wo wir sind. Aber Ende des Monats mag ich dann spätestens zurück nach Shanghai. Ich fühle mich gestrandet zwischen zwei Lebenswelten, bin weder dort, noch ganz hier.

 

Hey, ich will aber auch nicht nur jammern. Es geht uns gut, wir haben hier unsere Wohnung, liebe Freunde, gute Luft, feines Essen und die andere Welt muss einfach noch ein bisschen warten! So ist der Stand der Dinge. Jetzt gerade. Wie es morgen aussieht? Keine Ahnung! Einfach weiter machen!

 

Liebe Grüße, die Gatzingerin