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HengSha Island 横沙岛

Der Herbst ist da und somit stand für uns zum zweiten Mal der Klassenausflug mit Schülern, Eltern und Klassenlehrer an. Dieses Jahr waren wir weges des Goßen Cs nur innerhalb der Provinz Shanghai unterwegs. Wir haben eine Fahrradtour auf HengSha Island 横沙岛 gemacht, eine kleine Insel mitten im Yangtse Delta, die wir nach 30 km einmal komplett umrundet haben.

 

Am frühen Sonntagmorgen versammelte sich ein Großteil der Familien und der neue Klassenlehrer vor der Schule. Mit von der Partie waren 3 wirklich nette Guides, die uns schon im vergangenen Jahr begleitet haben. Mit dem Bus ging es in Richtung Chongming Island bzw. zur vorgelagerten Insel Changxing. Am Fährhafen haben wir im Gänsemarsch die klapprige Fähre betreten, begleitet von den aufmerksamen Blicken der Chinesen in der Autowarteschlange, die erstaunt schienen, so viele Laowais auf einmal zu sehen. Innerhalb von nur 10 Minuten war das andere Ufer erreicht und wir marschierten los. 

 

Der nahegelegene Fahrradverleih war schnell erreicht und unsere schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Für die Kids waren die Räder optimal von der Größe, für die meisten Eltern allerdings viel zu klein. Die Räder werden wohl vornehmlich an kleinere Asiaten und nicht an große Westler vermietet, da versteht sich die generelle Größenwahl. Nachdem wir uns also jeder ein einigermaßen passendes Radl gesucht hatten, wurden wir mit der weiteren "Schutzausrüstung" vertraut gemacht. Ein Fahrradhelm (logo) UND für die Kinder verpflichtend, für die Erwachsenen optional Knie- und Ellenbogenschoner. Dem Junior stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Den Satz "Kinderschoner" haben wir natürlich brav vom Stapel genommen, um ihn kurz darauf in einem unbemerkten Moment woanders wieder fallen zu lassen. Knie- und Ellenbogenschoner beim Fahrradfahren geht einfach gar nicht. Da stürzt man ja allein aufgrund der Bewegungseinschränkung. Ob die Chinesen die wirklich benutzen? Wir wurden im Anschluss aufgefordert die Bremsen und die Gangschaltung zu testen, nur um festzustellen, dass die Mehrzahl der Bremsen fast gar nicht funktionierte und bei der Gangschaltung, der dritte Zahnkranz scheinbar bewusst blockiert war; wahrscheinlich damit wir wegen der mangelhaften Bremsen nicht wirklich schnell fahren können?! Aber da haben sie nicht mit dem Gatzinger gerechnet. Er und ein weiterer Papa flitzen des öfteren gemeinsam am frühen Morgen mit dem Rennrad durch die Gegend und optimieren ihre Räder fortlaufend. Die beiden haben dann bei so einigen Rädern die Bremsen eingestellt und die Blockierung der höheren Gänge aufgehoben, so dass wir nicht mehr wie die Wahnsinnigen treten mussten, um trotzdem nur langsam voran zu kommen. Nach den ersten Kilometern war alles soweit eingestellt, ein lockeres Vorderrad wieder befestigt, ein schiefes Vorderrad gerade eingesetzt und wir konnten von nun an das Radfahren genießen. 

 

Der erste Stopp war bei einer Familie, die Tangerinen und Kakis anbauen. Dort durften wir selbst ernten und probieren und sogar Wegzehrung mitnehmen. Nicht so schön gefiel mir die überfahrenen Schlange am Straßenrand, da ich nun schwarz auf weiß habe, dass es diese von mir ungeliebten Tiere hier wirklich gibt. Ich hatte es ja schon vermutet, aber trotzdem... Ich mag Schlangen nun mal so überhaupt nicht. Das zweite Highlight war ein Unfall zweier LKWs, die auf unerklärliche Weise auf eigentlich ausreichend breiter Fahrbahn aneinander hängen geblieben waren. Viele Menschen inklusive Polizei standen auf der Straße herum und begutachteten erst den Unfall und dann auch die vielen radfahrenden Ausländer.

Auf kleinen, gemütlichen Strassen ging es weiter über die Insel. Nachdem wir gut die Hälfte der Strecke hinter uns hatten, wartete ein wirklich leckeres Mittagessen auf uns. Viele gut gefüllte Teller und Schüsseln mit verschiedenem Gemüse, Fisch, Fleisch, Reis, Suppe und Tofu, die wir Erwachsenen uns haben schmecken lassen. Die meisten Kids haben leider schnell die Flucht ergriffen und sich draußen die in den Rucksäcken verfügbaren Semmeln, Baguette, Kekse und Äpfel geteilt.

 

Den zweiten Teil der Insel-Runde sind wir meist direkt auf dem befestigten Deich mit Blick auf den breiten Yangtse Fluss und die nahegelegene Chongming Island gefahren. Mittlerweile war die Sonne von den Wolken verschluckt worden und der Wind hatte aufgefrischt. Aber die frische Brise um die Nase war herrlich. Am dritten und letzten Stopp konnten die Kids am Ufer Krebse fangen, wobei sie viele kleinere und drei große Exemplare zum Vorschein gebracht haben. Nach einer kleinen Fotosession wurden die TIere natürlich wieder frei gelassen. Nur noch wenige Kilometer weiter war der Fähranleger wieder erreicht und ich war nicht ganz unglücklich mein kleinwüchsiges Fahrrad wieder abgeben zu können. Aber alle haben die knapp 30 Kilometer gut gemeistert und die Guides waren besonders von den Fahrkünsten und dem Tempo der Kids beeindruckt. Sie scheinen anderes gewöhnt zu sein.

Es war ein etwas anstrengender, toller Tag an der frischen Luft, den wir gemeinsam mit netten Menschen verbracht haben. Wir durften eine weitere noch unbekannte Ecke von Shanghai kennenlernen, die rein gar nichts mit der bunten Glitzerwelt in Pudong oder dem Charme der ehemaligen Konzessionen gemein hat. Es war ein kleiner Blick über den Tellerrand in das Leben rund um Shanghai, wie es vielleicht vor vielen Jahren noch verbreitet war.

 

Ich schicke liebe Grüße in die Welt hinaus. Lasst es euch gut gehen trotz des Großen Cs.

Seid vorsichtig, passt auf euch und die anderen auf und macht wie stets das Beste draus.

bis bald, die Gatzingerin