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Noch ein Jahr

2/3 unserer Zeit hier in Shanghai liegen bereits hinter uns.1/3 bleibt uns noch. Wir erleben jeden Monat von nun an ein letztes Mal, denn im kommenden Sommer 2022 geht es für uns zurück Richtung Ammersee. Die Monate Juli und August würde ich vorzugsweise allerdings gerne komplett streichen und am liebsten durch drei Mal herrlichen Oktober ersetzen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich den Shanghaier Sommer nicht mag?!... Sommerfeuchte Subtropen sind einfach zu anstrendend.

 

Dadurch, dass es momentan für Familien quasi unmöglich ist, China in den Ferien zu verlassen und für ein paar Wochen Heimatlust zu schnuppern, nehmen die Momente zu, dass einige Dinge hier im Land echt nerven. Normalerweise fährt jeder ein bis zwei mal pro Jahr in seine Heimat und kann dort lang vermisste Menschen sehen, sprechen, fühlen und seine Akkus mit Natur und angenehmen deutschen Eigenheiten und Besonderheiten füllen. Gleichzeitig aber fallen einem bei diesen Besuchen in Deutschland aber auch immer Sachen auf, die man vergessen, vielleicht verdrängt hat und die man weder mag noch vermisst hat. Ebenso fallen einem Sachen auf, die einem im Gastland richtig gut gefallen und die jetzt umgekehrt in der Heimat fehlen. So ruckelte sich bei jedem Besuch in Deutschland das Weltbild wieder zurecht: Das aus der Ferne teils glorifizierte Deutschland hat ebenso Macken und nervige Eigenheiten wie das Gastland auch. Das Zurechtruckeln fehlt also! Das Nachjustieren. Das Relativieren.

 

Was mir an Deutschland gerade fehlt?

Die Natur ohne Stufen, Treppen und QR-Codes, die einfach so vor der Haustür liegt und zu Fuss oder mit dem Radl schnell und unkompliziert erreichbar ist. Der Ammersee und der Blick auf die Alpen. Natürlich Freunde und Familie. All die guten Lebensmittel aus meinem herzallerliebsten Laden am See. Frische Luft und Sommertage mit offenem Fenster und ohne Klimaanlage.

Was ich so gar nicht vermisse? Die deutsche Jammer- und MeckerMentalität, die mir jedesmal besonders negativ aufgefallen ist, wenn ich nach längerer Zeit wieder aus dem Ausland zurück gekommen bin. Darin sind wir scheinbar Weltmeister...

 

Zwei Jahre Shanghai sind jetzt rum. Davon waren wir 1,5 Jahre ununterbrochen in China. Das erste Jahr war Einleben und Ankommen angesagt. Ankommen nicht nur in Shanghai, sondern auch im Corona-Zeitalter. Das zweite Jahr ist gefühlt ziemlich schnell an uns vorbei gerauscht. China hat die Viren einigermaßen im Griff gehabt. Schule war fast normal und jeder einzelne Tag hat offline und von Angesicht zu Angesicht stattgefunden. Dafür bin ich wirklich dankbar. Wir konnten meistens innerhalb Chinas reisen und dieses Riesenland dadurch besser kennenlernen, als es ohne diese Pandemie wahrscheinlich der Fall gewesen wäre.

 

Jetzt liegt noch ein weiteres Jahr vor uns. Die Möglichkeit zur Verlängerung haben wir gemeinsam und wunderbarer-weise einstimmig abgelehnt. 3 Jahre reichen uns. 3 Jahre Expatleben sind genug. Für mein Empfinden gibt es hier recht viele Beispiele an seltsamen Expat-Existenzen mit verwöhnten Kids, Frauen, die ihren Alltag mit komischen Dingen versuchen zu füllen, Menschen, die jedes Wochenende in der Stadt auf Piste sind und ihre fast-Teenies ebenso laufen lassen. Und immer wenn ich Kinder sagen höre: "Da vorne wartet mein Fahrer." oder so ähnlich, dann stellen sich mir jedesmal ein kleines bisschen die Nackenhaare auf. Versteht mich nicht falsch, ich bin wirklich gerne hier, aber nicht zu lange. Für 3 Jahre sind wir gekommen und 3 Jahre werden wir bleiben. Ich persönlich kann auf Dauer nicht zufrieden sein mit einem Alltag, der aus Einkaufen, Sightseeing, Online-shopping, Charity-Arbeit, Museumsbesuchen, Städtereisen und Nobel-Restaurants besteht. Nach drei Jahren werde ich mit vielen Tränen in den Augen dieses Land und damit eine irre Großstadt, eine tolle Schule und viele liebgewonnene Menschen und Orte verlassen. Bis dahin werden wir uns trotz akuter Vermissung der Lieben in der Heimat eine tolle Zeit hier machen. So einige Urlaube, Feste, Entdeckungen und auch ganz viel Alltag warten noch auf uns. Und dann feiern wir die Rückkehr und lassen uns auf das Abenteuer des Wieder-Einlebens, der Re-Integration ein. Wir dürfen gespannt sein, was die lange Zeit im weit entferneten China mit uns gemacht hat, denn irgendetwas verändert sich während des Lebens im Ausland immer in uns. Meist ist es nichts Grundsätzliches, oft eher etwas Kleines. Vielleicht ein Blickwinkel, eine Art und Weise altbekannte Dinge auf andere Art zu betrachten und neu einzuordnen. Es bleibt spannend.

 

Auf ein letztes, ein tolles Jahr in Shanghai!

die Gatzingerin